V-oice
Drei Kolleg:innen an einem Tisch begutachten einen Entwurf auf einem Tablet, daneben Ausdrucke, Haftnotizen und ein Whiteboard
KI braucht keine besseren Prompts. Sie braucht bessere Arbeitsweisen.
KI & Technologie7 Min. Lesezeit

Wie man gut mit KI arbeitet (es liegt nicht an den Prompts)

Alle nutzen KI. Aber nutzen wir sie auch gut? Den Unterschied macht keine Liste magischer Prompts, sondern: wie du briefst, wie du den Output prüfst, wie du deinen Unternehmenskontext einbringst, wie du verantwortungsvoll bleibst – und was du mit der gewonnenen Zeit anfängst.

Das ist der seltsame Zustand von KI in den meisten Unternehmen gerade: Alle haben die Tools, alle nutzen die Tools – aber fast niemandem wurde je gezeigt, wie man damit arbeitet. Und die Antwort des Internets auf diese Lücke ist die nächste Liste magischer Prompts. (Du kennst das Spiel: Hinterlass einen Kommentar mit Herz-Emoji und ich schicke dir die 100 magischen KI-Prompts. Magie!!)

Wir hätten gerne etwas Ehrlicheres anzubieten. Dafür weniger sexy. Gut mit KI zu arbeiten ist kein Prompting-Trick. Es sind vier Kerngewohnheiten, die du alle (hoffentlich…) längst mit Menschen anwendest – plus ein Rahmen um das Ganze, der dich vor Ärger bewahrt. Hier sind sie, mit Beispielen.

Gewohnheit eins: briefe sie wie einen Menschen, den du schätzt

Schau, was üblicherweise passiert. Jemand tippt «schreib einen LinkedIn-Post über unseren neuen Wartungsservice» und bekommt etwas zurück, das von jedem beliebigen Unternehmen der Welt stammen könnte. Urteil: Das Tool ist überschätzt. Fall abgeschlossen. Zurück zum Altbewährten.

Und jetzt dieselbe Aufgabe so, wie du sie einer guten Mitarbeiterin übergeben würdest:

«Das richtet sich an Betriebsleiter:innen in der Industrie, die bereits einen Wartungsvertrag anderswo haben. Nach dem Lesen sollen sie sich fragen, ob ihr aktueller Anbieter wirklich das prüft, worauf es ankommt. Nimm unsere Inspektions-Checkliste (siehe Anhang) als Aufhänger, halte unseren üblichen Ton (direkt, keine Superlative, nicht super förmlich), und verspreche keine Reaktionszeiten – wir nennen öffentlich nie Reaktions- oder Ausführungszeiten.»

Gleiches Tool, gleiche Person am Keyboard. Vielleicht drei Minuten mehr Aufwand. Das zweite Briefing liefert einen brauchbaren Entwurf, das erste liefert Brei. Der Brei sass nie in der Maschine. Er sass im Briefing. Ein paar Minuten echtes Briefing ersetzen zwanzig Minuten enttäuschtes Nachprompten – und anders als Prompt-Tricks ist Briefen eine Fähigkeit, die deine besten Leute schon haben. Sie haben sie nur noch nicht auf die Maschine gerichtet, weil ihnen niemand gesagt hat, wie das geht.

Gewohnheit zwei: behandle die erste Antwort immer als Entwurf null

(Das gilt für KI und Kolleg:innen gleichermassen.) Der zweite Fehler sieht aus wie korrekte KI-Nutzung: Prompt rein, Antwort raus, fertig. Ein Automat, der dir nicht mal diese herrlich kalte Cola gibt.

Die Leute, die echten Wert herausholen, arbeiten in Runden. Nimm eine Kundenreklamation über eine verspätete Lieferung:

  • Runde eins: «Entwirf eine Antwort; hier ist die Reklamation und was tatsächlich passiert ist.»
  • Runde zwei: «Zu entschuldigend – wir haben teilweise pünktlich geliefert; benenne den Fehler, aber sag das klar.»
  • Runde drei: «Lies es jetzt als Kunde. Was würde dich an dieser Antwort immer noch stören, und wo liegen Risiken darin?» Die Maschine findet ihre eigene Schwachstelle – erstaunlicherweise ziemlich zuverlässig.
  • Runde vier: Ein Mensch trifft die letzte Entscheidung und drückt auf Senden.

Das sind vier Minuten Dialog statt einer Minute Automat, und der Unterschied im Ergebnis ist nicht subtil. Entwurf null ist der Anfang der Arbeit, nicht ihr Ende. Du hast diese Woche reichlich verschickte Entwürfe null gelesen. Du hast jeden einzelnen erkannt.

Gewohnheit drei: füttere sie mit deinem Unternehmen

Das Modell hat das halbe Internet gelesen und exakt nichts über dich. Diese Asymmetrie erklärt die meisten enttäuschenden KI-Ergebnisse: eure Preise, euer Ton, eure Standardklauseln, wie ihr genau diesen Kunden im letzten März behandelt habt – all das liegt in euren Systemen, unsichtbar für die Maschine im Moment der Frage. Und so spricht die Maschine deinen langjährigen Kunden und Freund mit «Sehr geehrter Herr Kunde» an. Ups.

Die Lösung ist unspektakulär. Ein Vertriebsteam, das seine zehn besten Angebote an einem Ort sammelt, seine Tonalitätsregeln einmal aufschreibt und eine kurze «Das versprechen wir nie»-Liste pflegt, macht aus generischen Entwürfen Entwürfe, die nach dem Unternehmen klingen. Ein paar Nachmittage Sammeln dessen, was ihr ohnehin wisst.

Und hier – bewusst mitten im Artikel und nicht in einer eigenen Compliance-Box am Schluss – kommt der rechtliche Rahmen ins Spiel. Denn genau beim Füttern wird es real und bis zu einem gewissen Grad riskant. Was du einem KI-Tool gibst, ist eine Datenentscheidung. Kundennamen, Gesundheitsangaben, Lohndaten, alles, was ein Vertrag oder die DSGVO (in der Schweiz das revDSG) schützt: Dieses Material braucht ein freigegebenes Tool mit den richtigen Garantien – oder es bleibt draussen. Die praktische Form davon ist keine Richtlinie, die niemand liest. Es ist eine Zwei-Listen-Regel, die alle aufsagen können: Was nie in einen Prompt gehört, und welche Tools für den Rest freigegeben sind. Unternehmen, die diesen Schritt überspringen, sind nicht schneller; sie sind nur blind unterwegs, in Tools, die sie nie geprüft haben. Gut mit KI zu arbeiten und verantwortungsvoll mit ihr zu arbeiten ist dieselbe Disziplin. Die schludrige Variante ist nicht schneller. Sie ist nur unversichert.

Gewohnheit vier: platziere sie im Prozess, streue sie nicht obendrauf

KI ist ein Beschleuniger, kein Reparaturset. Wenn eure Offerten zwei Wochen brauchen, weil vier Personen sie nacheinander freigeben und niemand mehr weiss warum, dann wartet ein schnellerer Entwurf einfach zwei Wochen mit schöneren Rändern. Ihr habt den Teil automatisiert, der nicht das Problem war.

Also vor den Tools: den Prozess kartieren. Wohin geht die Zeit tatsächlich, welche Schritte existieren aus Entscheidung und welche aus Gewohnheit. Dann platziere KI dort, wo sie sich auszahlt: typischerweise am Anfang (Entwürfe, Recherche, Vorbereitung) und am Ende (Prüfen, Zusammenfassen), während Menschen die Mitte halten, wo die Entscheidungen liegen. Genau diese Platzierung macht auch die Verantwortung einfach: Bei allem, was eine Kundin, einen Vertrag oder die Daten und die Existenz eines Menschen berührt, prüft ein namentlich benannter Mensch, bevor es das Haus verlässt. Seit 2025 erwarten EU-Regeln von Unternehmen sogar, dass ihre Leute die KI verstehen, die sie einsetzen – weniger furchteinflössend, als es klingt, denn Texte wie diesen zu lesen ist buchstäblich, wie diese Pflicht in der Praxis aussieht. Es ging nie um Bürokratie. Es geht darum, dass jemand mit Namen für das geradesteht, was hinausgeht. Das ist keine KI-Regel. So arbeiten seriöse Unternehmen schon immer.

Die abschliessende Gewohnheit: entscheide, wohin die gesparte Stunde geht

Mach die vier Dinge oben, und KI gibt deinem Team Zeit zurück. Und hier ist der Test, den fast niemand anwendet: Wo ist diese Stunde am Ende des Tages gelandet? In vielen Unternehmen verdunstet sie in noch mehr Kleinkram – gleicher Tag, höheres Tempo. In den guten hat jemand entschieden: Der Verkäufer ruft einen Kunden mehr an, die Projektleiterin denkt eine Entscheidung zu Ende, statt sie zu vertagen. Gleiche Stunde, völlig anderer Wert. Diese Entscheidung ist Führungsarbeit, sie braucht ein Meeting, und sie ist der Unterschied zwischen KI als Hamsterrad-Beschleuniger und KI als echtem Vorteil.

Nichts davon braucht ein Transformationsprogramm. Es braucht eine Briefing-Gewohnheit, eine Review-Gewohnheit, ein paar Nachmittage Sammeln, eine Prozesslandkarte, zwei Listen und eine Entscheidung über die gesparte Stunde. Das meiste davon lässt sich in einem Workshop lernen; alles davon geht schneller mit jemandem, der es schon gemacht hat – in einem Unternehmen wie deinem.

Frag einfach.

Frag einfach. Diesmal einen Menschen.

Eine Stunde mit jemandem, der es schon gemacht hat, weiss, was es kostet, wenn es schiefgeht, und für die Antwort geradesteht.

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